Sprengel Hanau - Digitale Gerechtigkeit als Herausforderung für die Kirche

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Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.
Christus Jesus wurde für uns zur Weisheit durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.

 

 

Digitale Gerechtigkeit als Herausforderung für die Kirche
Vortrag von OKR Dr. Ralph Charbonnier vor der Synode in Hofgeismar
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Was hat der digitale Wandel mit der Kirche zu tun? Welchen Beitrag kann die Kirche in einer digitalen Welt leisten? Diesen Fragen ging Oberkirchenrat Dr. Ralph Charbonnier vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gestern in seinem Vortrag vor der Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck nach. Die Synode hatte sich für die laufende Amtsperiode das biblische Motto „Dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen“ gegeben. Charbonnier zeigte in seinem Vortrag auf, dass „Gerechtigkeit“ in all ihren Formen als Orientierung für die Gestaltung einer digitalen Welt dienen könnte.

Leben braucht soziale Sicherung, auch in der digitalen Welt – Verteilungsgerechtigkeit
Digitale Technologie könne dazu beitragen, die Grundbedürfnisse von Menschen zu erhalten und zu verbessern (Stichwort: Sharing Economy), wie Charbonnier zu Beginn seines Vortrags erläuterte. Andererseits würden durch die Digitalisierung der Arbeitswelt auch Armutsrisiken steigen, z. B. durch eine Plattformökonomie, in der Menschen Dienstleistungen unterhalb des Mindestlohns anböten. Kirche und Diakonie seien gefragt, auf diese Prozesse zu reagieren: Bei Armut, Krankheit und Exklusion könnten Hilfestellungen mit Mitteln digitaler Technologie angeboten werden wie zum Beispiel ein digitales Fair-Kaufhaus, digitale Nachbarschaftshilfe, digitale Organisation von Pflegediensten und Krankenhäusern, digitale Beratung und Seelsorge sowie digitale Gemeinschaftsangebote. Diese Initiativen müssten aber immer in dem Bewusstsein ergriffen werden, dass die digitalen Formen die analogen Formen nicht ablösten, sondern ergänzten. Mit Blick auf die Schattenseiten, die sich in der Arbeitswelt zeigten, plädierte der Referent dafür, dass Kirche und Diakonie öffentlich für eine Gestaltung der Digitalisierung einträten, die an den Grundsätzen der Verteilungsgerechtigkeit und Befähigung zur Teilhabe orientiert sei. Dazu müsse das Gespräch mit der Wirtschaft über die ethischen Kriterien der Digitalisierung gesucht werden.

Leben heißt, beteiligt zu sein, auch am digitalen Leben – Beteiligungsgerechtigkeit
Erst seit kurzem werde digitale Technologie als Teil der öffentlichen Infrastruktur erkannt. Dadurch würden Maßnahmen wie der Breitbandausbau und G5-Mobilfunkstandard zu Fragen der Beteiligungsgerechtigkeit: Menschen im ländlichen Raum sollten dieselben Möglichkeiten der Teilhabe an der Gesellschaft haben wie im städtischen Raum. Nach Charbonniers Einschätzung würden vermeintlich nur technische Forderungen angesichts ihrer Bedeutung für das tägliche Leben zu diakonischen Forderungen. Als gelungenes Beispiel, wie Kirche am Aufbau einer solchen Infrastruktur mithelfen könne, nannte er das Projekt „unser-dorf-mooc.de“. Hier sei eine Kommunikationsinfrastruktur etabliert worden, um das Leben im ländlichen Raum zu verbessern.

Leben heißt, fähig zu sein, teilzunehmen – Befähigungsgerechtigkeit
Charbonnier führte aus, dass der Begriff der Befähigung mehr umfasse als die Fähigkeit, technische Geräte oder Programme sachgemäß anwenden zu können. Vielmehr gehe es auch darum, diese Fertigkeiten ethisch verantwortlich einzusetzen. So müssten zum Beispiel die Grenzen von Öffentlichkeit erkannt und die Privat- bzw. Intimsphäre beachtet werden. Für die evangelische Kirche als Akteur im Bildungsbereich bedeute dies, Menschen zu befähigen, selbstbewusst und verantwortungsvoll mit den digitalen Medien umzugehen. Digital Ungeübte seien oftmals skeptisch und kritisierten die digital Geübten wegen deren vermeintlicher Unbedachtheit. Digital Geübte hingegen ließen sich von den technischen Möglichkeiten verführen und werteten ethische Kritiker als Bremser. Charbonnier machte deutlich, dass es beide Perspektiven brauche: „Ethische Bedenken ohne digitale Fertigkeit sind leer, digitale Fertigkeit ohne Ethik ist blind!“

Leben heißt, achtungsvoll miteinander umzugehen – Kommunikationsgerechtigkeit
Durch die Digitalisierung werde die Kommunikation fundamental verändert. Laut Charbonnier sei es Aufgabe der Kirche, sich für eine Ethik der Kommunikation einzusetzen und Menschen zu einem ethischen, verantwortlichen Umgang mit der digitalen Kommunikation zu befähigen. Denn: „Als Kirche verstehen wir viel von Kommunikation.“ Kirche sei gut darin, die Bedeutung von Kommunikation für das Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft zu erkennen. Angesichts von Hassmails und polarisierenden Twitter-Nachrichten könne man zwar die Größe der Aufgabe erkennen, doch Kirche bringe viel Know-how mit, das von der Schriftauslegung bis hin zu seelsorgerlicher Kompetenz reiche sowie viel Erfahrung in der Moderation von Gruppenprozessen umfasse.

Leben heißt, das Evangelium auch in der digitalen Welt zu erfahren - Gottesgerechtigkeit
Abschließend widmete sich der Referent der Frage, was die Welt von Facebook, Twitter, Skype, Alexa und Siri, Big Data und Künstlicher Intelligenz mit Gottes Wort zu tun habe, das den Menschen gerecht spreche. Zum einen gelte es, Digitalisierung dort zu enttarnen, wo die Datenwelt als Gott, Dataismus als Religion und Digitalisierung als Erlösungsprozess erscheine. Charbonnier warb dafür, solchen Thesen mit Sachanalyse und Theologie entgegenzutreten. Des Weiteren würden dort, wo Maschinen als Menschen beschrieben würden, d. h. mit Intelligenz, mit der Fähigkeit zu lernen, mit Autonomie und Entscheidungsfähigkeit, „Maschinen zu groß und Menschen zu klein gedacht“. Charbonnier zog daraus die Schlussfolgerung: „Wir müssen – um Gottes und der Menschen Willen – die Sprache der digitalen Welt kritisieren. Sonst machen wir uns zu Maschinen und die Maschinen werden darüber zu neuen Menschen.“

Das Evangelium in einer digitalen Welt kommunizieren
Ungeachtet dessen gehe es aber auch „ganz konventionell und praktisch“ um die Frage, wie die Kommunikation des Evangeliums in den kirchlichen Handlungsfeldern auch digital erfolgen könne, wie zum Beispiel Gebetsanliegen digital in den Gottesdienst einzutragen seien, eine datensichere Chatseelsorge zu gewährleisten sei oder analoge und digitale Beratungen und Angebote miteinander verknüpft werden könnten. Charbonnier zeigte sich davon überzeugt: „Gottes Gerechtigkeit sucht sich viele Wege. Warum nicht auch digitale?“