Sprengel Hanau - Ökumene bleibt eine Herausforderung!

Veranstaltungskalender Sprengel

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Mottolied

Die Gespräche zur Vorbereitung der Feierlichkeiten waren so kreativ, dass dabei auch ein Lied entstanden ist, das am 16. September auf dem Marktplatz gesungen wird, aber gerne auch schon vorher gesungen werden darf. Hier finden Sie das Material dazu:

Lied anhören (Produktion: Jochen Engel)

Liedblatt öffnen

 

 

Tageslosung

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.
Christus Jesus wurde für uns zur Weisheit durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.
Nachbericht
Ökumene bleibt eine Herausforderung!
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Bilder: Dr. Steffen Merle
Text: Ulrike Pongratz
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Hanau – Marienkirche. „Ökumene – quo vadis?“ Unter dieser Fragestellung hielt die katholische Theologin Prof. Dr. Johanna Rahner im Rahmen der Veranstaltungsreihe „200 Jahre Hanauer Union“ einen überaus profunden und informativen Vortrag zur Einheit der christlichen Kirchen. Ihre engagierte Rede ermutigte einerseits zu weiteren Schritten in Richtung Einheit der Konfessionen, andererseits stellte sie aber die bisherigen ökumenischen Bestrebungen radikal in Frage.

Ökumene ist keine zentrale Streitfrage mehr
„Ist die Ökumene tatsächlich noch die zentrale Frage, die Christen in Deutschland bewegt?“ fragt die Professorin der Eberhard Karls Universität Tübingen während ihres Vortrags und gab ihren auf-merksamen Zuhörern gleich mehrere Denkanstöße mit auf den spätabendlichen Weg nach Hause. „Aus theologischer Perspektive ist alles geklärt“, so die streitbare Katholikin, „Es gibt keinen Grund gegen eine gemeinsame Eucharistie. Alles andere ist Kirchenpolitik.“ Die Lehrstuhlinhaberin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie beschreibt aber auch „ein Steckenbleiben, weil man sich nicht mit der aktuellen Situation auseinandersetzen will.“

Warum geht es nicht voran?
„Der ökumenische Prozess stockt“, so Rahner, „weil sich unvereinbare Modelle gegenüberstehen, wie die Einheit der Kirche aussehen soll.“ In ihrer historischen Betrachtung macht die Theologin deutlich, dass die katholische Kirche die Idee einer sichtbaren Einheit verteidige, die schließlich in einer bis heute nicht bewältigten „Modernismuskrise“ enden würde. Die evangelische Kirche dagegen sei eine Kirche der Unionen. Sie verstehe sich als Geschöpf dieser Kontexte, das sich in Gestalt und Wesen immer wieder prüfen und erneuern müsse.

Einheitsbestrebungen als Vorbild und europäisches Erbe
Mit Blick auf die historischen Vereinigungen, wie beispielsweise die Hanauer Union, sagt die Tübinger Professorin, sei ein politischer Wille vorhanden gewesen, die bleibenden Unterschiede zu relativieren und neu einzuordnen. Die Geschichte der Konfessionen in Europa sei ein wunderbares Beispiel für einen produktiven Umgang, für ein konstruktives Miteinander. „Toleranz, Gewissens- und Glaubensfreiheit basieren auf diesem geschichtlichen Erbe.“ Diesen politischen Wille zu einem konstruktiven Miteinander könne sie allerdings heute nicht erkennen, so Rahner.

„Kirche als Krücke“
Mit Blick auf 500 Jahre Re-formation sieht die Katholikin Rahner darin einen epochalen Wandel, der den Status der Kirche grundsätzlich verändert habe und nicht mehr rückgängig zu machen sei. Die eigene Frömmigkeit, die Idee trete in den Vordergrund, die Kirche werde in Glaubensfragen auf Platz zwei verwiesen. Das Bild einer „Kirche als Krücke“ verdeutlicht, wie Glaube heute wahrgenommen wird: als individuelle Frage in persönlicher Verantwortung. „Mein Lebensstil sucht sich die passende Spiritualität“, so Rahner.
Die aktuelle Situation sei charakterisiert durch Pluralisierung, individuelle, persönliche Spiritualität einem religiösen Suchen als Hauptmotiv, das sich gegen Kirche und Institutionen sperre. Zwei gegenläufige Dynamiken, der Suchprozess nach neuen Formen und der Verlust der traditionellen Sprache stellten das Modell der Konfessionen, die traditionelle Kirche insgesamt in Frage.

„Nicht eine Bindfadenbreite trennt den Glauben vom Nichtglauben.“
Individualisierung, Pluralisierung, begrenzte Mitgliedschaft auf Zeit – von diesem Phänomen sind nicht nur die Kirchen, sondern auch andere Einrichtungen sind betroffen. Rahner fordert, die aktu-elle Situation schonungslos in den Blick zu nehmen. „Gott ist nicht verschwunden, die religiöse Suche, die Sehnsucht nach Gott ist vorhanden“, sagt die Katholikin und zieht daraus die Schluss-folgerung, „dass die Orte der Peripherie, die Ränder und Grenzen der menschlichen Existenz die Orte der Kirche heute“ seien. Zugleich sieht die Theologin die Diskussion um den „wahren Kern des Glaubens“ als eine heutige Herausforderung für die Kirchen. Es sei eine Falle, Identitäten über einen Diskurs der Abgrenzung zu erzeugen, wie dies vielfach in nationalen Kirchen funktioniere. Die Grundprinzipien des Glaubens seien bis auf die Basis zu hinterfragen, mit der „Menschlichkeit des Menschen als Maßstab und Resonanzboden für das Christentum.“

Theologische Herausforderungen für Ökumene werde es auch in Zukunft geben, das ist sich Rahner sicher. In ihrem knapp zweistündigem Vortrag wurde auch den Laien im Publikum die Komplexität der Fragestellung deutlich. Deutlich wurde auch, dass in der Ökumene mehr offener Austausch notwendig sein würde. „Man muss sich mehr streiten, das Eigene in Frage stellen, es muss ans Eingemachte gehen.“ Als Professorin und wissenschaftlich forschende Theologin gab Rahner viele Denkanstöße und setzte hohe Maßstäbe. Als Kirche mit der aktuellen Situation umzugehen und die richtigen Antworten zu finden, bleibt für alle Konfessionen die zentrale Herausforderung.

 

Referentin:
Johanna Rahner, geb. 1962; Dr. theol.; seit April 2014 Professorin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumene an der Kath.-theol. Fakultät der Eberhard-Karls Universität Tübingen und Direktorin des dortigen Instituts für Ökumenische und Interreligiöse Forschung.