Sprengel Hanau - Der Sonderweg der Wallonisch- Niederländischen Kirche

Veranstaltungskalender Sprengel

Dez 2018
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Mottolied

Die Gespräche zur Vorbereitung der Feierlichkeiten waren so kreativ, dass dabei auch ein Lied entstanden ist, das am 16. September auf dem Marktplatz gesungen wird, aber gerne auch schon vorher gesungen werden darf. Hier finden Sie das Material dazu:

Lied anhören (Produktion: Jochen Engel)

Liedblatt öffnen

 

 

Tageslosung

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.
Christus Jesus wurde für uns zur Weisheit durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.
Nachbericht
Der Sonderweg der Wallonisch- Niederländischen Kirche
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Text: Steffen Merle
Bilder: Eberhard Henschel
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„Niemand kann über den Sonderweg der Wallonisch-Niederländischen Kirche besser referieren als der Pfarrer ebenderselben Gemeinde, Torben W. Telder (vdm).“ Schon in seiner Begrüßung hob Eckhard Holler, Mitglied des Kirchenkreisvorstandes, mit der Anspielung auf die Prädestinationslehre eine der besonderen theologischen Positionen der Wallonisch-Niederländischen Kirche hervor. Für manche der wieder sehr zahlreich erschienenen Zuhörerinnen und Zuhörer stellte sich im Laufe des Abends aber überraschenderweise heraus, dass es gar nicht so sehr theologische Fragen waren und sind, die den Sonderweg der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde begründen, sondern vielmehr strukturelle und administrative Fragen. Warum also hat sich die Wallonisch-Niederländische Gemeinde 1818 der Hanauer Union nicht angeschlossen?

Die Freiheit der „Capitulation“ als zentraler Bezugspunkt
Mit „Capitulation“ ist nicht etwa eine einseitige Unterwerfung gemeint, wie das umgangssprachlich heute verstanden wird. Vielmehr ist mit dem Begriff der „Capitulation“ der Abschluss von Verhandlungen im Jahre 1597 zwischen der Flüchtlingsgemeinde und Graf Philipp Ludwig II gemeint, durch den schließlich die Übersiedlung wallonisch-niederländischer Flüchtlinge von Frankfurt nach Hanau möglich wurde:
Vor allem aber wurden Regelungen zu Glaubens-, Kirchen- und Schulsachen getroffen, die heute noch wesentlicher Bezugspunkt der Sonderstellung der Wallonisch-Niederländischen Kirche sind:

Die Capitulation verspricht den französischen und niederländischen Reformierten vollkommen freie Ausübung ihrer Religion in ihrer Muttersprache, nach der in den reformierten Kirchen in Frankreich und den Niederlanden, in der Pfalz und zu Genf gebräuchlichen Liturgie und Kirchenordnung. Weiter wird den beiden Gemeinden die Wahl und Berufung ihrer Prediger und Schulmeister erlaubt, allein, dass diese erwählten Personen jederzeit dem Grafen als der Obrigkeit präsentiert und vorgestellt werden.

London - New York – Frankfurt …: Hanau!
Geschichte prägt das Selbstverständnis bis heute. Das wurde deutlich, als Telder die geschichtlichen Hintergründe bis zur Capitulation skizzierte: Eindrückliches Beispiel ist die zeitweise im Untergrund gelebte Frömmigkeit während der Zeit Karls V, durch dessen Katholizismus die reformierte Tradition in den Niederlanden in verborgenen Hausgemeinden zurückgedrängt wurde. Kein Vorgang, der historisch einmalig wäre, aber dennoch für das Selbstverständnis der Wallonisch-Niederländischen Kirche noch heute von Bedeutung: Es ist eine Flucht- und bisweilen Suchbewegung, deren Spuren sich in London, New York und Frankfurt finden – und schließlich Ende des 16. Jhd. nach Hanau führen. Dort wehte der liberale Geist des Landgrafen durch die Straßen – etwas, was nach den vielen Konflikten in Frankfurt der freien Religionsausübung den Boden bereitete.

Zwei Kirchen unter einem Dach
Nach der Capitulations-Einigung entstand die innere Hanauer Neustadt, die am grünen Tisch geplant und danach errichtet wurde. Vor allem aber wurde eine Kirche gebaut – wobei: es sind eigentlich zwei unter einem Dach. Der Auflage der Capitulation, nur eine Kirche bauen zu dürfen (die zudem die Marienkirche nicht überragen dürfe!) entsprach man formal: es entstand unter einem Dach eine Doppelkirche für die zweisprachige Gemeinde.

Artikel 3, „das grüne Formular“ und die Hanauer Union
Einmal von der Sprache abgesehen: der liberale Geist theologischer Toleranz atmete auch in der „Capitulation“: Man sollte im binnenevangelischen Kontext auf theologische Streitigkeiten verzichten und vielmehr das Gemeinsame und die Einheit suchen. Dieses Selbstverständnis steht bis heute: Wer heute Mitglied der Wallonisch-Niederländischen Kirche werden möchte, der muss dazu ein Gespräch mit dem leitenden Geistlichen führen. Und es muss noch heute ausgeschlossen werden, dass durch den Eintritt Konflikte mit anderen evangelischen Kirchen provoziert würden.
Im Grunde hätte diese theologische Offenheit dazu führen müssen, sich der Hanauer Union anzuschließen. Warum kam es dennoch anders?

1597 ⚬ 1818 ⚬ 2009
Drei Jahreszahlen stehen für den Sonderweg der Wallonisch-Niederländischen Kirche. Ausgangspunkt die Capitulation und die darin u.a. garantierte
• freie Religionsaussübung, sowie die
• organisatorische Selbständigkeit (direkte Unterstellung unter den Landgrafen), insbesondere im Hinblick auf die Wahl (und Abberufung) des Predigers.
Wie aber sollte eine organisatorische Selbständigkeit gewährleistet werden, wenn man sich einem Konsistorium der Hanauer Union unterstellen würde? Wie sollte die freie Religionsausübung gewährleistet sein, wenn die Sprache als markantestes Alleinstellungsmerkmal absehbar assimiliert werden würde.
Die zur Hanauer Synode von 1818 eingeladenen Wallonen und Niederländer konnten unter diesen Bedingungen der Hanauer Union nicht beitreten. Die administrative und organisatorische Selbständigkeit sollte unter allen Umständen gewahrt bleiben (und wurde so zuletzt 2009 vom Hessischen Kultusministerium bestätigt), selbst wenn – ganz im Sinne der Hanauer Union – theologische Differenzen ein Miteinander nicht ausgeschlossen hätten.

Theologisch volkskirchlich – strukturell freikirchlich
So muss man am Ende festhalten: Die Theologie spielte eine untergeordnete Rolle: Die Hanauer Union zwischen reformierter und lutherischer Tradition kam nicht deswegen zustande, weil man sich auf ein gemeinsames theologisches Verständnis verständigt hatte. Ebenso wenig war die Abkehr der Wallonisch-Niederländischen Kirche theologisch motiviert.
In beiden Fällen waren es vielmehr strukturelle und administrative Gründe: der Wille zur Einigung hier, und der Wille zur – durch die Capitulation garantierte – Selbständigkeit dort.

Und heute?
Dennoch, so stellte sich in der abschließenden Diskussion heraus, war wohl vor allem auch die Sprache ein nachvollziehbares Argument, 1818 auf der Selbständigkeit zu bestehen. Womöglich wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn die Hanauer Union z.B. 1918 angestrengt worden wäre. Zu dem Zeitpunkt war jedenfalls die Sprache keine Barriere mehr.
Folgerichtig stellte sich die Frage, ob der Wille zur Einheit heute nicht noch umso stärker sein müsse?

Aber ebenso deutlich wurde, wie sehr Geschichte und Struktur die Identität dieser Hanauer Kirche ausmachen und bis heute prägen. So freuen wir uns umso mehr, auch über Kirchengrenzen hinweg den Referenten des Abends als Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Hanau bei der Abschlussandacht auf dem Unionsfest am 16. September dabei haben zu dürfen. Ob auch das ein prädestiniertes Zeichen ist?