Sprengel Hanau - Wo ist die Sehnsucht geblieben?

Mottolied

Die Gespräche zur Vorbereitung der Feierlichkeiten waren so kreativ, dass dabei auch ein Lied entstanden ist, das am 16. September auf dem Marktplatz gesungen wird, aber gerne auch schon vorher gesungen werden darf. Hier finden Sie das Material dazu:

Lied anhören (Produktion: Jochen Engel)

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Tageslosung

Der Name des HERRN ist ein starker Turm, der Gerechte eilt dorthin und findet Schutz.
Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.
Nachbericht:
Wo ist die Sehnsucht geblieben?
Ex-Bischöfin Margot Käßmann begegnet in der Christuskirche Fragen nach dem Glauben praxisnah und mit Humor
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Alle Bilder: medio.tv/Schauderna
Margot Käßmann sprach fesselnd und humorvoll, auch zur Freude von Prälat Bernd Böttner, der durch den Abend führte.
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Hanau. Der Mann, der sich ans Mikro traute, sprach eine so einfache wie häufig geäußerte Frage aus: „Wie können Sie angesichts des vielen Leids in der Welt mit Bomben und Kriegen an Ihrem Glauben festhalten?“, wollte er von Margot Käßmann wissen. Die Ex-Bischöfin aus Hannover hatte sehr lebendig über Glaubensfragen gesprochen und zum Diskurs eingeladen. „Die Frage werde ich Gott stellen, wenn es soweit ist“, beendete sie ihre Antwort und sprach davon, dass man Gottes Allmacht und seine Ohmacht angesichts des Todes seines Sohnes am Kreuz zusammendenken müsse.

Eine fesselnde Rednerin
Über eine Stunde lang hatte die 59-Jährige zuvor ihr Publikum gefesselt, das dicht gedrängt in den Bänken der Christuskirche saß. Auch oben auf der Empore, wo man einen guten Blick auf die energiegeladene Frau im rot-schwarzen Kleid mit kurzer Jacke hatte, die sehr lebendig und mitreißend sprach. Die einen waren gekommen, weil sie die Power-Frau live erleben wollten, andere, weil sie sich im Jubiläumsjahr 200 Jahre Hanauer Union zur Vereinigung der lutherischen und reformierten Kirchen Antworten von der Theologin erhofften – von einer Pfarrerin, die mit beiden Beinen im Leben steht, nicht den Anspruch erhebt, perfekt sein zu wollen, die sich nicht scheut, auch Privates, wie ihre Krebserkrankung, öffentlich zu machen.
„Ich hätte mir keine Bessere zum Auftakt für unser Jubiläum vorstellen können, als Margot Käßmann, die als Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche so viel unterwegs war und dabei so viele Eindrücke gesammelt hat“, erklärte Hanaus ehemaliger Propst Bernd Böttner, der eigens nach Hanau gekommen war, um das Jubiläumsjahr einzuläuten. Denn vieles habe sich verändert seit dem Zusammenschluss der Kirchen. Und das sei Anlass zu fragen, „wo stehen wir, was lernen wir, welche Visionen haben wir?“ Käßmann mit ihrer Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen, könne da ganz sicher Antworten geben.

Nur miteinander, nicht gegeneinander feiern und gedenken
Und das tat Käßmann, die davon sprach, dass sie und Böttner „eben noch“ junge Vikare gewesen seien. Sie berichtete von den Erfahrungen aus dem Jubiläum der 500. Wiederkehr der Reformation Martin Luthers. Und manche Antwort lag auch in den Fragen und Zweifeln, die sie schilderte. Etwa, als sie von der Planung für die Reformationsfeierlichkeiten sprach. Dürfe man ein Ereignis feiern, das von manchem als eine Kirchenspaltung verstanden werde? Dürfe ein Mann gefeiert werden, der mit seiner Judenschmähschrift so dunkle Schatten auf sein Erbe warf? Und auch die Frage, ob evangelische Christen überhaupt feiern könnten, sei gestellt worden, sagte Käßmann unter dem Gelächter des Publikums.
Ja, man dürfe, betonte sie. Man durfte, ohne einen Kult um Martin Luther zu machen, indem auch unter Bezug auf Calvin, Zwingli und Hus international über die Grenzen hinweg als breite Bewegung in ganz Europa gefeiert worden sei. Zwischen katholischer und evangelischer Kirche gebe es viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Deshalb sei so wichtig gewesen, die Reformation ökumenisch zu feiern, bei allen bleibenden Unterschieden, wie dem Papstamt oder dem Abendmahl. „Was uns verbindet, ist stärker als Unterschiede von Praktiken und Amtsverständnis. Hinter diesen Schritt geht es nicht zurück“, zeigte sich die Theologin überzeugt.
Dass sie ihren Diskurs mit viel Humor würzte, kam gut an. Gestenreich schilderte die Mutter von vier Kindern von den positiven Erfahrungen rund um den Reformationstag im letzten Jahr, der erstmals als Feiertag begangen worden sei. „Am Feiertag waren die Kirchen voll. Es war schön zu erleben, dass die Deutschen wussten, es ist Reformation – und nicht Halloween“, sprach die Botschafterin das schwindende Selbstverständnis vieler an. Manche schämten sich heute zu sagen, dass sie noch in der Kirche seien, gerade in einer säkularen, multireligiösen Zeit.
Käßmann bedauerte, dass die Menschen keine Sehnsucht mehr hätten, gemeinsam zu feiern und zu singen. Dabei könne genau das eine Quelle der Kraft sein. Die Theologin machte keinen Hehl daraus, dass auch sie kein Patentrezept dafür parat hat, wie man diese Sehnsucht wieder entfacht. Ganz sicher nicht, indem politische Themen aus der Kirche verbannt würden. „Kirchen haben immer auch eine politische Verantwortung“, antwortete sie auf die Frage eines Besuchers. Auch Liebe zu anderen sei etwas sehr Politisches. Vieles lasse sich aus der Bibel ableiten, das die politische Haltung präge. Als Beispiel nannte Käßmann das achte Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, das zu einer Kultur der Wahrhaftigkeit ermahne und dafür, sich gegen „Fake News“ zu positionieren. Zum Schluss lud Propst Böttner dazu ein, als Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten am Sonntag, 16. September, um 14 Uhr, auf dem Marktplatz gemeinsam die Feier des Unionsfest zu begehen.

Zum Thema Bildung
Martin Luther, daran erinnerte die Theologin erneut, setzte sich stark für Bildung ein und fordert vom Fürsten die Gründung von Schulen. Jungen und Mädchen müssten selber lesen können, selbst die Bibel studieren können. Sein Credo: Nur, wer selbst versteht, kann im Glauben vorwärtskommen und Fragen beantworten. Gerade zu Zeiten, wo der Fundamentalismus wachse – Käßmann sprach hier von Islam, Judentum und Christentum – sei es wichtig, Fragen zu stellen. „Der Fundamentalismus mag keine Fragen“. Drum sei ein Glaube wichtig, der Bildung und Vernunft zusammenhalte.

Zum Thema Frauen und Rassismus
Nach der reformatorischen Tauftheologie stehen die Getauften auf einer Stufe, sind also gleichberechtigt. Luther, so Käßmann, habe das Leben von Frauen grundsätzlich als gottgewolltes und schöpferisches Leben gewertet und aus diesem Grund dazu aufgefordert, dass Priester, Mönche und Nonnen heiraten sollten. Das heiße auch, dass Sinnlichkeit gelebt werden durfte, wozu auch Sexualität gehört. „Das ist Bejahung des Lebens“, so Käßmann. Auf die Frage, ob ein Mann sich nicht lächerlich mache, wenn er Windeln wasche, habe Luther sinngemäß geantwortet, dass es Gott gefalle, wenn ein Mann sich im Glauben an der Kinderbetreuung beteilige. Glaube finde nicht nur in der Kirche statt, sondern in der Welt, mitten im Leben und damit auch in der Familie.

Zum Thema Antijudaismus
Den Dialog bezeichnete die Ex-Bischöfin als Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Das gelte für alle Religionen. Mit Bezug auf den Angriff in Berliner Bezirk Prenzlauer Berg sagte Käßmann: „Wenn Menschen Angst haben müssen, auf der Straße eine Kippa zu tragen, müssen wir als Erste aufstehen!“ Mit dem Thema des Antijudaismus Martin Luthers habe sich die Evangelische Kirche schwergetan. Habe Luther in frühen Jahren Juden noch gegen Stereotypen in Schutz genommen, so habe er später in seiner Schmähschrift dazu aufgefordert, Synagogen anzuzünden; eine Schrift, auf die sich die Nazis berufen und die sie als Rechtfertigung missbraucht hätten. „Das ist furchtbar und kaum erträglich. Für die Evangelische Kirche sei es ein langer Lernprozess gewesen, Luthers Judenfeindschaft erstmals ins Gesicht zu sehen. 2015 habe sich die Evangelische Kirche öffentlich von dieser Schrift distanziert. „Es gelang uns auch, mit Juden darüber zu sprechen“.

Welche Sprache sprechen wir?
In der richtigen Sprache – ein wichtiges Anliegen Martin Luthers – liegt nach den Worten Margot Käßmanns eine der wesentlichen Aufgaben für die Zukunft. Wie sprechen wir gegenüber Nicht-Kirchenmitgliedern über den Glauben, über Begriffe wie Gnade, Reue und, Erlösung? Was bedeutet das Kreuz für uns? Und was die Auferstehung? Auch und gerade in unserer heutigen Leistungsgesellschaft, wo viele Menschen an sich selbst ins Zweifeln gerieten, sei die Botschaft der Bibel, dass Gott uns so annimmt, wie wir sind, obwohl wir so sind, wie wir sind, eine Befreiung. Um die Menschen zu erreichen, böten sich Andachten im Freien (wie in Erfurt beim 500. Reformationsjubiläum) als Quelle des Kraftschöpfens an. Auch Kneipengespräche könnten ein Weg sein, zu den Menschen zu gelangen. Genauso wie Kunst, Kulturforen, Frauenmahle.

Text: Jutta Degen-Peters, Hanauer Anzeiger vom 25. April 2018

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