Sprengel Hanau - Geschichte lebendig. Dr. Alice Noll gibt der Hanauer Union ein persönliches Profil.

Mottolied

Die Gespräche zur Vorbereitung der Feierlichkeiten waren so kreativ, dass dabei auch ein Lied entstanden ist, das am 16. September auf dem Marktplatz gesungen wird, aber gerne auch schon vorher gesungen werden darf. Hier finden Sie das Material dazu:

Lied anhören (Produktion: Jochen Engel)

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Tageslosung

Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unsern Kindern ewiglich.
Die Samaritaner sprachen zu der Frau: Nun glauben wir nicht mehr um deiner Rede willen; denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.
Nachbericht
Geschichte lebendig. Dr. Alice Noll gibt der Hanauer Union ein persönliches Profil.
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Text: Steffen Merle
Bilder: Eberhard Henschel
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Merz, Vulpius, Hufnagel, Iber – Namen, die im Zusammenhang mit der Hanauer Union jeder kennen muss. Aber wer waren die Protagonisten der Hanauer Synode von 1818 eigentlich? Wer waren die Menschen hinter dem „Masterplan“, der schließlich zur erfolgreichen Synode führte. Dr. Alice Noll referierte am Dienstag, 19. Juni wieder im Gemeindehaus „Alte Johanneskirche“ über die Personen hinter den Positionen der Hanauer Union.

Über den Einluß, den die Protagonisten auf die Synode genommen haben, ihre Rolle als Initiatoren, Motor und Durchführende. In bemerkenswerter Weise lies Dr. Noll die Prozesse und Abläufe hinter der Hanauer Union lebendig werden.

Wie Veränderungsprozesse gelingen
Das haben uns die Protagonisten von damals vorgemacht. Die Synode wurde gut vorbereitet: Eine erste Sitzung der beiden Konsistorien aus lutherischer und reformierter Konfession wurde schon 1817 abgehalten. Der Impuls dazu war vom damaligen Landesherrn Wilhelm I ausgegangen: Unter dem Eindruck der Reformationsfeierlichkeiten 1817 und dem erstarkten Wunsch nach Einheit beauftragte Wilhelm seine reformierte und lutherische Kirchenverwaltung, den Einheitsprozess auszuarbeiten. Der Lutheraner Vulpius und der Reformierte Merz (weil Merz am Vorabend der Synode starb, übernahm für ihn Hufnagel) übernahmen als Superintendenten ihrer jeweiligen Konsistorien die geistliche Vorbereitung. Entsprechend wurde auch die administrative Seite von Iber (reformiert) und Blum (lutherisch) vorbereitet. Obgleich sich Wilhelm das letzte Wort vorbehalten hatte, übertrug er die Umsetzung den Hanauer Konsistorien.

Das „Hanauer Modell“
Ziel der Synode sollte eine Beschlussfassung über eine Kirchenvereinigung sein. Welche Schritte konnten auf dem Weg gegangen werden? Den geistlichen Protagonisten Vulpius, Hufnagel und Merz war klar, dass eine Kirchenvereinigung aufgrund einer theologischen Verständigung nahezu unmöglich sein würde. Vielmehr strebte man auf der administrativen Seite eine Kirchenunion an, die das Nebeneinander theologischer Lehrtraditionen bestehen lässt. Man konnte, man wollte die Vielfalt „aushalten“.
Möglich wurde diese Haltung nach Meinung von Fr. Dr. Noll, durch den Geist der Aufklärung, durch die Dogmatik und Lehre nach hinten gestellt, die persönliche Haltung und Glaubensaneignung in den Vordergrund gerückt wurden.
Ein zweiter entscheidender Schritt des „Hanauer Modells“ war die konsequente Einbindung der Gemeinden als Entscheidungsträger. Über eine Union konnten nur die Menschen bestimmen, die sie betreffen würde. Auch aus dieser Überzeugung atmet der Geist der Aufklärung.

Dass das Kirchenamt aus Kassel zwischenzeitlich darauf insistierte, auch die theologischen Fragen zu klären – was man in Hanau nicht für möglich und nicht für nötig gehalten hatte – wurde von den Protagonisten zur „Fußnote“ der Geschichte der Hanauer Union herunter moderiert.

Freiheit, Toleranz, Einheit
Die Konzeption theologischer Vielfalt im Geiste aufgeklärter Toleranz sowie die Einbindung der Gemeinden arbeitete Dr. Noll als Erfolgskriterien der Vereinigungsstrategie heraus.
„Ein Herr, eine Glaube, eine Taufe, ein Gott. (Eph 4,5)“ - Aus den Predigten der Protagonisten zeichnete die Referentin deren Haltung nach: Respekt und Toleranz vor der Meinung des anderen sprechen daraus ebenso wie ein positives Geschichtsverständnis, das der Zukunft die vernünftige Klärung noch anstehender Fragen zutraut. Getragen wurde die Arbeit der Protagonisten von dem Willen, dass das Gemeinsame wichtiger ist als das Trennende, und das Spaltung der Kirche als Ärgernis zu verstehen sei.

Protagonisten aus der Funktionselite
Dass all das möglich war, so Dr. Noll, wurde auch dadurch befördert, dass die Protagonisten ähnliche Berufsbiografien und demzufolge auch in vielerlei Hinsicht ähnliche Positionen hatten. Wilhelm selbst legte auf einen homogen funktionierenden Berufstand großen Wert: Alle Protagonisten kamen aus der sog. „Funktionselite“ – verstanden einander, hatten dieselbe, aus Aufklärung geprägte und an Vernunft orientierte Haltung.
Eindrücklich malte Dr. Noll ein Bild der damaligen Zeit und bettete die Arbeit der Konsistorien in das damalige Bild von Sitte und Anstand, von Bildungsbürgertum und aufgeklärten Idealen ein: Von geistlicher Gerichtsbarkeit, Kirchenzucht, Visitationen und Abendmahlsausschluss war zu hören. Klar mussten die leitenden Beamten, die solche Funktionen auszuüben haben, selbst vorbildliches Ethos an den Tag legen...

Film oder Theater – die Geschichte lebendig nachzeichnen
Der Vortrag wurde von dem gut gefüllten Gemeindesaal der Alten Johanneskirche mit Begeisterung aufgenommen. Dr. Noll malte Bilder aus der Geschichte der Hanauer Union, ließ Personen wie Protagonisten eines Films vor dem inneren Auge erstehen... Und was da zu sehen war, waren durchaus beeindruckende geistige Größen jener Männer.
Über das „Hanau Modell“ wurde auch im Anschluss an den Vortrag noch lebhaft diskutiert: Toleranz, die nicht gleich Indifferenz ist, sondern Respekt vor der Position des anderen: Das ist auch eine Herausforderung für heute.
Klar versucht man auch hinter solchen Geschichten, persönliche Eitelkeiten zu entdecken. Die hat es sicher auch gegeben. Auch, dass Merz am Vorabend der Synode starb, hat sicher eine emotionale Klammer für den Verlauf der Synode gesetzt. Und dass nur Männer Akteure waren, klingt heute wie ein unvorstellbarer Ausflug in die damalige Zeitgeschichte...
Auch die Hanauer Union ist eingebettet in ihren eigenen geschichtlichen Kontext: in den Geist des Evangeliums, den der der Aufklärung und der Gemeinschaft: Ermutigende Botschaften jener Männer, die die Hanauer Union aufs Gleis setzten und sich vor Vielfalt nicht fürchteten.